1. 1.Ausgangslage

Gesuch der 2 alevitischen Vereine (Alevitisches Kulturzentrum Regio Basel und der Kulturvereinigung der Aleviten und Bektaschi) gestützt auf § 133 der Baselstädtischen Kantonsverfassung um kantonale Anerkennung.

Rechtsgrundlage für die kantonale Anerkennung

s. § 133

3. . Voraussetzung für die kantonale Anerkennung

  1. a)Kirche oder Religionsgemeinschaft

Die beiden alevitischen Vereine bilden in Basel die alevitische Religionsgemeinschaft, welche die Form einer kultischen Bewegung hat. Ausgangspunkt ihrer Lehre sind die mündlich überlieferten Gedichte, Lieder und Erzählungen, die der Gemeinschaft den alevitischen Weg aufzeigen. Im Alevitentum gibt es daneben auch verbindliche, heilige Bücher, wie zum Beispiel die Imam Cafer Sammlung (Imam Cafer Buyrugu) und die Haci Bektaschi Velayetname.

Das Alevitentum ist eine eigenständige Glaubensgemeinschaft, die in Anatolien ihre Heimat hat. Die Aleviten bilden mit 20 bis 30 % der Bevölkerung nach den sunnitischen Muslimen die grösste Religionsgruppe in der Türkei. Die meisten Aleviten sind türkeistämmig, aber es gibt auch Aleviten in anderen Ländern.

Die Aleviten haben im islamischen Kulturraum einen eigenständigen Glaubensinhalt entwickelt und bewahrt. Im Alevitentum sind Elemente aus verschiedenen, vor allem auch vorislamischen, Religionen und Kulturen klar erkennbar.

Die alevitische Glaubenslehre geht davon aus, dass der Mensch selbst Gut und Böse erkennen kann. Der Mensch ist selber für die Führung seines Lebens verantwortlich.

Gott zeigt sich im Menschen und in der Natur.

Die Vermehrung des Wissens und die Anwendung der Vernunft sind zentral.

Die Aleviten haben den Grundsatz, dass alle Menschen gleich sind. Jeder Mensch ist eine Schöpfung Gottes. Die Aleviten sind weltoffene Menschen und respektieren andere Glaubensrichtungen, sofern diese ihre eigenen Ansichten den anderen nicht aufzwingen.

Alevitische Frauen sind den Männern gleichgestellt.

Die Aleviten lehnen Gewalt, Hass und Missionierung ab. Aleviten befürworten die Trennung von Religion und Staat. Toleranz und Humanität stehen im Mittelpunkt ihres Denkens.

Aleviten fallen in unserer modernen Gesellschaft nicht auf, weil sie sehr anpassungsfähig sind. Sie tragen keine spezielle Kleidung.

Die Gemeinschaft trifft sich zu Cem-Versammlungen, bei denen Gebete durch alevitische Geistliche   (Ana und Dede genannt) zelebriert werden. Hierzu gehören nebst religiösen Erzählungen und Musik auch der rituelle Tanz (Semah genannt).

Im Zentrum der Religionsgemeinschaft steht die Vermittlung des alevitischen Glaubens. Einmal jährlich finden grosse Cem-Versammlungen statt. Die Aleviten kennen auch Fastentage, bei denen sich die Gemeinschaft zum Fastenbrechen täglich versammelt (Muharrem, Hizir Fasten). Die Gemeinschaft trifft sich darüber hinaus zu Trauerfeiern, zu gemeinsamen Festen und Feierlichkeiten in alevitischer Tradition und zu gemeinsam begangenen religiösen Diskursen (Muhabbetler).

Neben diesen Aktivitäten gehören die Unterrichtung des traditionellen Instruments Bağlama (Langhalslaute), das Friedenstiften, das Besuchen der Kranken, das Spenden für Bedürftige etc. zu den wichtigen Handlungen, die der alevitischen Tradition entsprechen.

Jeder kann Mitglied im Verein werden, frei seine Meinung äussern. Die alevitischen Geistlichen führen nebst den erwähnten Cem-Versammlungen auch wichtige soziale Aufgaben wie zum Beispiel Schlichtung von Familienproblemen, Besuch der Kranken und viele andere mehr aus.

  1. b)Privatrechtliche Organisationsform.

Es gibt in der Schweiz einen alevitischen Dachverband und in 17 verschiedenen Kantonen gibt es alevitischen Vereine.

Die beiden alevitischen Gemeinschaften in Basel haben je die Form eines Vereins gemäss Art. 60 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches; somit ist die Voraussetzung der privatrechtlichen Organisationsform bei beiden alevitischen Vereinen gegeben.

  1. c)Gesellschaftliche Bedeutung

Die beiden Vereine bestehen seit 18 bzw. 13 Jahren, was von einer gewissen Nachhaltigkeit zeugt.

Die Aleviten migrierten insbesondere nach den Anwerbeverträgen zwischen der Türkei und Deutschland seit dem Jahre 1961 nach Deutschland, später auch in verschiedene europäische Länder, so auch in die Schweiz. Da die soziale und wirtschaftliche Eingliederung dieser Menschen eine gewisse Vorlaufzeit in Anspruch genommen hatte, konnten sich die Aleviten zuerst in Deutschland Ende der 80-er Jahre und in der Schweiz dann Anfangs der 90-er Jahre in Vereinen organisieren.

Auch in anderen europäischen Ländern sowie in der Türkei haben sich die alevitischen Vereine jeweils zu nationalen Dachverbänden zusammengeschlossen. Diese Länder-Dachverbände sind wiederum Mitglieder der europäischen Konföderation (AABK). In einigen deutschen Bundesländern sowie in Holland, Österreich und Dänemark sind die Aleviten als Religionsgemeinschaft anerkannt und führen an den Schulen alevitischen Religionsunterricht durch. Es gibt einen alevitischen Fernsehsender (Yol TV), eine alevitische Monatszeitschrift (die Stimme der Aleviten in Europa) sowie einen alevitischen Radiosender.

  1. d)Anzahl Aleviten in Basel und Umgebung

Es ist davon auszugehen, dass circa 8’500 AlevitInnen im Grossraum Basel leben.

Der Kulturverein der Aleviten und Bektaschi zählt momentan 226 Mitglieder plus deren Familienangehörige, im Alevitischen Kulturzentrum Regio Basel sind es 236 Mitglieder plus deren Familienangehörige. Insgesamt engagieren sich somit ca. 1’100 Personen, welche Mitglieder und regelmässige Besucher der Vereine sind, in der Vereinsarbeit. Sehr viele der 8’500 Alevitinnen pflegen jedoch, auch wenn sie nicht Mitglieder sind, einen regelmässigen Kontakt zu den Vereinen. An Hochzeiten, Totenfeiern, Frühstücksveranstaltungen, speziellen kulturellen und musikalischen Veranstaltung kommen auch diese interessierten Alevitinnen.

 

  1. e)Beteiligung an der Lösung von gesellschaftlichen Problemen

Alle Anlässe, die die Vereine in ihren Vereinslokalen oder ausserhalb anbieten, stehen allen Menschen offen. Der Besuch von Nicht-AlevitInnen, von Interessierten, von Nicht-MigrantInnen sind sogar sehr gerne gesehen und erwünscht.

Die ersten Grossratsmitglieder mit Migrationshintergrund sind AlevitInnen. Die AlevitInnen beteiligen sich intensiv am Integrationsprozess, sie nehmen am öffentlichen Leben bewusst teil, engagieren sich am interreligiösen Dialog etc.

Die alevitischen Vereine sehen sich selbst als Religionsgemeinschaften mit Selbsthilfecharakter. Sie unterstützen ihre Mitglieder im religiösen wie auch im weltlichen Leben. In den Lokalen werden diverse Kurse angeboten, die der Bildung, Unterhaltung und Integration dienen. Die Vereine sind in der Jugendarbeit aktiv, organisieren Freizeitaktionen, Bağlama-Unterricht, Bildungswochenenden und haben einen Fussballclub (FC Birlik) welcher nebst einer 4. Liga-Mannschaft und einer Senioren Mannschaft auch über eine Juniorenabteilung verfügt. Der FC Birlik ist Mitglied des Fussballverbandes Nordwestschweiz (FVNWS).

Zu ihren Veranstaltungen laden die Vereine bewusst PolitikerInnen, PfarrerInnen, Verwaltungsmitglieder und NachbarInnen etc. ein, um das gegenseitige Verständnis zu fördern. Alle Angebote stehen allen Aussenstehenden offen.

Man kann also aus integrationspolitischer Sicht sagen, dass die alevitischen Vereine einen bedeutenden Teil der Integrationsbemühungen in ihren beheimateten Kantonen leisten und mittragen.

An den verschiedenen Institutionen in Basel nehmen Mitglieder der alevitischen Vereine einen festen Platz ein. So engagieren sie sich am Runden Tisch der Religionen, im Stadtteilsekretariat, bei IRAS COTIS, beim Interreligiösen Forum, bei Inforel sowie bei weiteren Organisationen.

Dank der intensiven Zusammenarbeit mit den Vertretern aus Verwaltung, Politik, Erziehung etc. ist das Ansehen der AlevitInnen in der Stadt Basel gestiegen und sie sind ein ernstzunehmender Faktor im gesellschaftlichen Leben.

  1. f)Respektieren des Religionsfriedens

Die Aleviten befolgen folgenden wichtigen Grundsatz, welcher von Haci Bektas Veli ausgesprochen worden ist:

„Respektiere alle Menschen und Völker“

Jede Religion wird toleriert und respektiert. Der Frieden zwischen den Menschen und die Meinungsfreiheit sind höchstes Gut. Kein Mensch, egal welcher Hautfarbe, welcher Ethnie, welcher Religionszugehörigkeit darf als minderwertig angesehen werden.

Hierzu gehört auch, dass Frauen und Männer gleichgestellt sind.

  1. g)Respektieren der Rechtsordnung

Die AlevitInnen respektieren die schweizerische Rechtsordnung. Sie befürworten und unterstützen die weltanschaulich, neutral religiöse Haltung des Staates.

  1. h)Transparente Finanzverwaltung

Die Vereine halten jährlich einmal die obligatorische Generalversammlung ab. Vorher überprüfen die RevisorInnen die Jahresabrechnung, die dann an der Generalversammlung genehmigt wird. Die internen Kontrollmechanismen werden strikte angewendet.

Die Vereine führen ihre Buchhaltung mit Belegen über Ausgaben und Einnahmen in Form von Tabellen. Die Ausgaben werden von den Vereinsvorständen beschlossen und nach Überprüfung durch die RevisorInnen durch die Generalversammlung genehmigt.

  1. i)Jederzeitige Ein – bzw. Austrittsmöglichkeit

Jedes Mitglied kann den jederzeitigen Austritt aus dem Verein beantragen.

Jede Person kann jederzeit den Beitritt zum Verein beantragen, der bisher immer durch den Vorstand genehmigt wurde.

   
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