Feiertage der Aleviten

Grundlagen des Alevitentums
Das Alevitentum ist eine eigenständige Religion, die in Anatolien (östliche Türkei) ihre Heimat hat. Die Aleviten bilden in der Türkei heute mit einem Anteil von 20 bis 30 % der Bevölkerung nach den sunnitischen Muslimen die grösste Religionsgruppe. Zu den Aleviten gehören Bevölkerungsgruppen türkischer und kurdischer Herkunft. Die Wurzeln des Alevitentums sind vielfältig. Dazu gehören u.a.: die alte Lehre Zarathustras, der Manichäismus, das Judentum, das Christentum, die Schia, die mystische Interpretation des Koran (Sufismus), der altsibirische Schamanismus der Turkvölker und der Humanismus des 20. Jahrhunderts.
Die Meinung, dass das Alevitentum eine eigenständige, nicht dem Islam unter zu ordnende Religion ist, wird heute vom Dachverband der Aleviten in Europa und in der Türkei allgemein vertreten.
Auch heute noch respektiert der türkische Staat die Existenz des Alevitentums nicht. Die Kinder alevitischer Eltern müssen den sunnitischen Religionsunterricht besuchen. Die auch heute noch bewusste Ausgrenzung und der Assimilierungszwang gegenüber den Aleviten führten dazu, dass die alevitischen Feste entweder nicht mehr offen oder lediglich als Folkloreveranstaltung, nicht aber als religiöse Feste, gefeiert werden durften.
Innerhalb der alevitischen Bevölkerung gibt es verschieden Strömungen, die neben vielen Gemeinsamkeiten auch unterschiedliche Glaubensrituale, Lebensweisen und Feiertage kennen.
Die folgenden Feste stellen nur eine Auswahl dar:

Cem
Die Gemeindeversammlung der Aleviten, Cem, wurde ursprünglich unregelmässig je nach Situation abgehalten. In der Türkei finden heute Cems am Donnerstagabend, in der Diaspora am Wochenende statt. Die Aleviten betrachten die Erwerbstätigkeit als „Gebet“; erst wenn der Lebensunterhalt erwirtschaftet ist, kann mit dem Cem begonnen werden. Die Cem-Versammlung kann im Versammlungshaus (Cem evi), in einer Privatwohnung oder im Lokal eines alevitischen Vereins sein. Hier in der Schweiz wird einmal jährlich, wenn möglich in der 2. Woche im Februar an einem Sonntag, eine grosse religiös-soziale Feier durchgeführt, die mehrere Stunden dauert. Unter Anleitung der Pirs oder Dedes oder der Anas, deren geistliche und moralische Autorität in der Gemeinschaft anerkannt ist, pflegen die Aleviten und Alevitinnen gemeinsam ihre Traditionen, Sitten, Glaubensauffassungen, die Prinzipien des gemeinsamen Weges. Die wichtigste Regel ist, dass man mit reinem Herzen teilnimmt und mit allen Teilnehmenden versöhnt ist. Der Cem ist ein Ort der Schlichtung, der Rechtsprechung, des Gottesdienstes, des Friedens und der Einheit. Musik und religiöse Erzählungen, Lieder mit Saz-Begleitung und der mystische Semah-Tanz stehen im Vordergrund. Am Ende des Cems werden die mitgebrachten Gaben verteilt und gemeinsam gegessen.

2. Februarwoche: Hizir-Fasten (Hizir Orucu)
Dieses dreitägige Fasten findet in der zweiten Februarwoche als Gedenken an Hizir, den Heiligen und Schutzpatron, statt. Hizir kann als Prophet und eine Art Gottesfreund bezeichnet werden, der den in Bedrängnis geratenen Menschen zu Hilfe eilt Hizir nimmt im Alltag der Aleviten einen grossen Platz ein; er wird in vielen Situationen angerufen.

21. März: Geburtstag des Heiligen Ali, Newroz
In der alevitischen Mythologie wird dieser Tag als Geburtstag des Heiligen Ali, dem Cousin des Propheten Mohammed, bezeichnet. Ali wurde in Medina zum vierten Kalifen gewählt. Gegen diese Wahl rebellierten Verwandte des ermordeten Vorgängers. Ali unterlag in den kriegerischen Auseinandersetzungen und wurde 661 ermodert.
An seinem Geburtsag wird ein gemeinsames Beisammensein organisiert und dabei das Leben Alis und seine Lehre vorgetragen. Der Tag wie auch Ali stehen als Symbol für Gleichheit und Gerechtigkeit. Der 21. März wird gleichzeitig von vielen Aleviten als Tag des Neujahrs (Newroz: der neue Tag), der Erneuerung, Versöhnung und des Frühlingsanfanges gefeiert.

4. Mai: Dersim Gedenktag
Dersim, offiziell vom türkischen Staat in Tunceli umbenannt, ist eine grosse Provinz im kurdischen Teil der Türkei. Die Mehrzahl der kurdischen Bewohner von Dersim sind Aleviten. Die Massaker zwischen 1937 und 1938 waren der Höhepunkt einer über Jahrzehnte geführten Kampagne gegen die alevitisch kurdische Gemeinschaft, deren soziale, kulturelle, religiöse und politische Identität dem osmanisch-türkischen Staat ein Dorn im Auge war. Tausende von Menschen wurden durch Bombardierungen getötet, Zehntausende durch das Militär getötet und deportiert, Frauen wurden vergewaltigt, Kinder wurden ihren Eltern entrissen und zur Adoption frei gegeben. Gegen diesen geplanten Genozid (Tertele) wird von der Türkei die Einführung eines Gedenktages am 4. Mai gefordert. Durch die Aleviten wird bereits jetzt an diesem Tag den Opfern gedacht und um sie getrauert.

2. Juli: Gedenktag an das Sivas-Massaker
In Gedenken an die 37 Opfer des Brandanschlages am 2. Juli 1993 auf liberale Schriftsteller, Künstler und Politiker, die sich anlässlich eines Kulturfestivals zu Ehren des alevitischen Dichters Pir Sultan Abdal in einem Hotel in Sivas versammelt hatten, wird dieser Gedenktag abgehalten. An diesem Tag wird allen Leiden, die dem alevitischen Volk durch ihre Unterdrücker zugeführt wurden, gedacht.

16. - 18.August: Haci Bektasch Veli Gedenktag
Während drei Tagen finden zu Ehren des Haci Bektasch Veli (geb. 1209), der als Begründer des Alevitentums verehrt wird, Feierlichkeiten statt. Durch seine Toleranz, Menschliebe und Weisheit fand er bei der durch die seldschukischen Herrscher unterdrückten Bevölkerung grossen Zuspruch. Einiger seiner bis heute überlieferten Sprüche lauten:
Betet nicht mit den Knien, sondern mit den Herzen
Das wichtigste Buch, das zu lesen ist, ist der Mensch.
Unklar ist das Ende des Wegs, wenn die Wissenschaft nicht berücksichtigt wird.
Vergesst niemals, dass sogar eure Feinde Menschen sind.
Respektiere alle Kulturen, Religionen und Völker.
Was du suchst, findest du in dir.

Opferfest (Kurban bayramı)
(richtet sich nach dem Mondkalender und ist somit beweglich. Es vor verschiebt sich im Folgejahr um 10 Tage) s. Tabelle
Namhafte alevitische Gelehrte sehen das Opferfest von seinem Ursprung her nicht als alevitisches Fest an. Die Koexistenz zum sunnitischen Islam brachte es mit sich, dass dieses Opferfest auch von einem Teil der Aleviten aus Dankbarkeit gegenüber Gott für seine Gnade gefeiert wird und zu einem Bestandteil der alevitischen Tradition geworden ist. Es erinnert an Abraham (türk. Ibrahim) und an seine Bereitschaft, seinen Sohn zu opfern. Das Fest ist für die Aleviten ein Anlass, an Arme und Bedürftige zu denken und ihnen Geschenke zu machen.
Für finanzstarke Familien ist der Höhepunkt des Opferfestes das traditionelle Festmahl, für das ein Schaf nach einem bestimmten Ritual geschlachtet wird. Aleviten feiern dieses Fest mässig und schlachten nicht immer ein Opfertier, sondern zeigen ihre Dankbarkeit und Opferbereitschaft auch durch andere Dienste.

Muharrem-Fasten gefolgt vom Aschure (Aşure )-Tag
(richtet sich nach dem Mondkalender und ist somit beweglich. Es vor verschiebt sich im Folgejahr um 10 Tage) s. Tabelle
Das Muharrem Fasten dauert 12 Tage. Im Gedenken an das Martyrium des dritten Imams Hüseyin, der mit seiner Gefolgschaft verdurstend in der Wüste von Kerbala ermordet wurde, wird in dieser Zeit getrauert und freiwillig gefastet. Imam Hüseyins Widerstand gegen die Ungerechtigkeit bzw. sein Gerechtigkeitssinn werden als alevitische Maxime gelehrt und nachempfunden.

Das Fasten besteht aus:
kein Wasser trinken (Milch, Yoghurt und Früchte sind erlaubt)
kein Fleisch essen
es darf kein Blut fliessen (= Schlachtverbot)
Männer sollten sich nicht rasieren (entsprechend den Umständen)
Keine Feste feiern und nicht singen
In Erinnerung an das Martyrium möglichst viel weinen
Nach dem Muharrem - Fasten wird eine Süssspeise (Aşure) aus zwölf verschiedenen Zutaten gekocht und als Symbol der Dankbarkeit unter Bekannten, Verwandten und Nachbarn verteilt und gemeinsam gegessen. Aleviten bringen mit Aschure u.a. ihren Dank zum Ausdruck, dass Zeynel Abidin, der Sohn von Imam Hüseyin, aufgrund seiner Krankheit das Massaker von Kerbala überlebte.

   
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