Glaubensgrundsätze der Aleviten

von İsmail Kaplan

Das Alevitentum bietet eine umfassende Sicht der Welt, die die Entstehung des Universums, die Vergangen-heit der Menschheit, die Vervollkommnung der Menschen, die Beziehungen zwischen Gott und Menschen sowie zwischen Menschen und Natur und die Zukunftsvisionen behandelt und die dazu gehörige Fragen

be-antwortet. Im Hinblick auf die spezifisch alevitische Weltsicht wird deshalb zu Recht in Veröffentlichungen die Eigenständigkeit des Alevitentums betont. Jede Beschreibung des Alevitentums sollte von dem Gesamtkon-zept des Alevitentums ausgehen und sich darum bemühen, mit den alevitischen Glaubensgrundlagen, der

alevitischen Ethik und der alevitischen Weltsicht konform zu gehen.

Das Gebäude des alevitischen Glaubens hat seine eigene Struktur und unterscheidet sich in seinem Aufbau von anderen Glaubensrichtungen, insbesondere von dem des sunnitischen Islam. Im Folgen den sollen ohne jegliche ‚Bewertung’ Unterschiede zum sunnitischen Islam aus verschiedenen Bereichen zusammengestellt werden, die die in Abschnitt 1.1 genannten ergänzen.

Das Alevitentum betont das „Einssein“ bzw. „Einswerden“, d.h. es sieht in dem Prozess des ‚Ein swerdens’ als Ziel eine innige Verbindung von Gott und Mensch, die als ‚Eins’, einem Aus-druck der Vollkommenheit, vorgestellt wird. Demgegenüber betont das Sunnitentum einen Dua-lismus, in dem zwischen Gott als dem Herrn und Schöpfer oben und dem als Untertan geschaf-fenen Menschen unten eine Kluft besteht, die bestenfalls durch einen Gnadenerweis Gottes kurzzeitig überbrückt werden kann.

Das Alevitentum hat als Ziel, dass der Mensch auf der Welt versucht, durch sein Bestreben die Vervollkommnung zu erreichen . Demgegenüber setzt das Sunnitentum seinen Gläubigen das Ziel, durch Pflichterfüllung gegenüber Gott die Anwartschaft auf den Zugang zum Paradies zu er-langen.

Das Alevitentum ist eine Gemeinschaftsreligion dahingehend, dass die Gemeinsamkeit der Gläu-bigen und ihr Eintreten füreinander betont werden. Das gemeinsame Gebet und die Herstellung des ‚Einvernehmens (rızalık)’

unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei den Gottesdiens-ten, das dann auch in das Alltagsleben ausstrahlt, zielt auf die Reifung und letztlich Vervoll-kommnung aller Gläubigen in der Gemeinde. Weiterlesen

   
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