Alevitisches Kulturzentrum Regio Basel
Alevitentum
WILLKOMMEN
"Schätzt keinen Menschen und kein Volk gering!" (Hic bir insani ve milleti ayiplamayiniz!)


Dies sind die Worte von Haci Bektas Veli (1209- 1295), der eine wichtige Rolle in der Geschichte des anatolischen Alevitentums hat. In einer Zeit, in der Menschenliebe, Toleranz und Respekt vor der Natur ausserordentlich wichtig sind, möchte ich Ihnen das Alevitentum, das diese Werte schützt, näher bringen.
Wie so viele türkische und kurdische MigrantInnen aus der Türkei, die hier in Basel und in der Umgebung ihre neue Heimat gefunden haben, bin auch ich Alevit. Ich bin Kurde und stamme aus der Gegend von Dersim (Tunceli).

Ich möchte Ihnen mit diesem Artikel unseren Glauben näher bringen und durch das Verständnis den Dialog zwischen den Kulturen und den Religionen fördern.
Noch gibt es recht wenig wissenschaftliche Untersuchungen über die lange Geschichte des Alevitentums. Auch beleuchten sie das Alevitentum aus unterschiedlichen Richtungen und kommen damit zu unterschiedlichen Aussagen. Ich selber bin kein "Experte" sondern setze mich seit einer Weile intensiver mit dem Alevitentum auseinander und versuche, mir einen Überblick und eine Meinung zu bilden.

Das Alevitentum ist eine eigenständige Religion, die in Anatolien ihre Heimat hat.
Die Aleviten bilden in der Türkei heute mit einem Anteil von 20 bis 30 % der Bevölkerung nach den sunnitischen Muslimen die grösste Religionsgruppe. Zu den Aleviten gehören Bevölkerungsgruppen türkischer, turkmenischer, kurdischer und arabischer Herkunft.
Wie auch die türkische Bevölkerung sind die Kurden heute mehrheitlich Sunniten, nur ca. 20 % sind Aleviten. Vor der Zwangsislamisierung gehörten jedoch viele Kurden auch dem Jesidentum an, einer Religion, die ihre Wurzeln in den vielen vorchristlichen Religionen dieser Gegend hat Heute gibt es in der Türkei aufgrund der starken Verfolgung keine Jesiden mehr.

Wie das Alevitentum definiert wird, hängt von der Perspektive der Person ab, mit der man spricht.
Dies ist unter anderem auf die Verfolgung dieser Religion und den damit verbundenen Geheimcharakter dieser Religion zurück zu führen sowie darauf, dass die Aleviten nicht über eine schriftlich fixierte Dogmatik verfügen. Das religiöse Wissen wurde über Jahrhunderte von heiligen Familien und Dichtern in relativ geschlossenen, schwer zugänglichen Dorfgemeinschaften mündlich überliefert. Somit unterscheiden sich religiöse Praktiken sowohl regional als auch ethnisch.
Mit der Stadtflucht Mitte der 50er Jahre und der fortwährenden Verfolgung der Aleviten und Kurden kam es zu einem Zerfall der alten Strukturen und die geheime Lehre wurde nur noch bruchstückhaft vermittelt. Gleichzeitig erfolgte ein Säkularisierung und Politisierung des Alevitentums.

Die Aleviten können meiner Meinung nach nicht zur Weltgemeinschaft der Muslime (weder der sunnitischen noch der schiitischen) gerechnet werden. Sie haben im islamischen Kulturraum einen eigenständigen Glaubensinhalt entwickelt und bewahrt. Diesen Glauben haben sie jedoch nicht in die Öffentlichkeit getragen, was eine Überlebensstrategie war. Dies führte jedoch dazu, dass sie als Muslime galten und auch heute noch zum Teil gelten.
Die Meinungen gehen in diesem Punkt bei den Wissenschaftlern und bei den Aleviten selber auseinander. Je nach dem, wie stark die Gemeinsamkeiten mit dem Islam oder eben die Gegensätze zum Islam im Vordergrund stehen oder auch die vorislamischen Wurzeln in die Untersuchungen mit einbezogen werden, kommen die Menschen zu unterschiedlichen Standpunkten in dieser Frage.
Die Wurzeln des Alevitentums sind vielfältig. Ich nenne nur ein paar von Ihnen: die alte Lehre Zarathustras, der Manichäismus (antike offenbarte Religion / Die Lehre des Mani wird des Öfteren als die der zwei Naturen (oder Substanzen, oder Prinzipien) und drei Zeiten (oder Epochen) bezeichnet., das Judentum, das Christentum, die Schia (Schiiten, die Ali als den rechtmässigen ersten Nachfolger Mohammeds ansehen), die mystische Interpretation des Koran (Sufismus), der altsibirische Schamanismus (Kam) der Turkvölker und heute der Humanismus des 20. Jahrhunderts.

Auf diesen bis heute erkennbaren Wurzeln wird die Entstehung einer eigentlichen Religionsgemeinschaft der Aleviten häufig mit dem Wirken des spirituellen Führers Haci Bektas Veli, einem Sufi-Mystiker im 13. Jahrhundert definiert. Er hatte einen grossen Einfluss auf die Turkmenenvölker damals und auf die Lehren der Aleviten bis heute. Mit seinen freiheitlichen, demokratischen, toleranten und humanistischen Anschauungen fand er beim von der sunnitischen Herrschaft unterdrückten Volk eine grosse Anhängerschaft. So werden seine Anhänger heute auch Aleviten-Bektaschiten genannt.

Im 15. und 16. Jahrhundert wurden die vorwiegend turkmenischen Aufständischen, die sich gegen die Zentralisierungsbestrebungen des orthodox-sunnitischen Sultans und gegen anwachsende Steuerforderungen des osmanischen Zentralstaats zur Wehr setzten, als Kizilbas = Rotköpfe bezeichnet.
Die Safawiden, die persischen, schiitischen Gegner der Osmanen, versuchten diese Unzufriedenheit mit religiöser Propaganda für sich zu nutzen und verbreiteten unter den Turkmenenstämmen extrem-schiitische Ideen, in denen besonders die Verehrung Alis eine wichtige Rolle spielte. Als Landsverräter und Häretiker waren die Kizilbas blutigen Verfolgungen ausgesetzt. Nachdem die Verbindung der Aleviten Anatoliens zu den persischen Safawiden von der osmanischen Staatsmacht gewaltsam unterbunden war, schlossen sich die Kizilbas-Aleviten in Ostanatolien den Bektasi an, die sich damals in Mittel- und Westanatolien stärker verbreiteten.
Die Entwicklung der Aleviten zu einer Religionsgemeinschaft in den drei Jahrhunderten zwischen den Kizilbas-Aufständen und der Gründung der türkischen Republik im Jahr 1923 liegt weitgehend im Dunkeln. Der alevitische Glaube wurde im Geheimen praktiziert, stand aber immer wieder auch in offener Opposition zur sunnitischen Vorherrschaft. Von Kemal Atatürk wurde die jahrhundertelange Kalifats- und Sultanatsherrschaft abgeschafft. Er begründete zumindest der Idee nach einen laizistischen republikanischen Staat. Damals unterstützten die Aleviten mit der Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Situation die Ideen von Kemal Atatürk. Bald jedoch setzte sich der sunnitische Islam als wichtiges Propagandamittel durch und die Aleviten blieben eine von den Sunniten verachtete Minderheit. Die letzten schweren Verbrechen gegen Aleviten waren die Massaker 1987 in den Städten Sivas, Corum und Kahramanmaras, bei denen Hunderte von Aleviten von fanatisierten Sunniten gelyncht wurden. 1993 kam in Sivas während eines Kulturfestivals zu Ehren des alevitischen Dichters Pir Sultan Abdal, der als Rebell gegen die osmanische Staatsgewalt im 16. Jahrhundert zum Tod verurteilt und gehängt worden war, 37 Menschen in den Flammen eines von fanatisierten Muslimen in Brand gesteckten Hotels um; die türkische Armee und Polizei sahen tatenlos zu.

Der Begriff "Alevi" ist wohl vom arabischen "alavi" abgeleitet. Er bezeichnet im engeren Sinne die Nachfahren von Ali, dem Cousin, Schwiegersohn und Vertrauten des Propheten Mohammed. Im weiteren Sinne bedeutet er "Ali-Anhänger". Ali ist das Symbol für Gerechtigkeit und Güte, also Eigenschaften Gottes, denen ein Alevit besonders nacheifert. Der Begriff Alevi ist relativ neu; erst Ende des 19. Jahrhundert wurde die Bezeichnung Kizilbas durch die Bezeichnung Alevi verdrängt.
Die Aleviten dürfen nicht mit den Alawiten in Syrien verwechselt werden, die auch Nusairier genannt werden.

Das Alevitentum kann als synkretistische (synkretistisch = Vermischung von religiösen Ideen zu einem neuen System) sowie pantheistische (= das Göttliche ist in allen Erscheinungen der Welt zu sehen) Religion bezeichnet werden.

Wir Aleviten glauben an einen Gott, dessen sichtbare Gestalt die Natur und damit auch der Mensch ist. Gott wird mit verschiedenen Namen bezeichnet, so als Hak, Tanri, Allah, Hu, Hüda, _ah, Ulu.
Leider ist uns viel Wissen über die Glaubenslehre und die Praktizierung des Alevitentums abhanden gekommen. Wir müssen uns dieses erst wieder erarbeiten. Und so kann jeder Pir (alvetischer Glaubensführer) die Lehre in unterschiedlichen Ausprägungen verkünden und praktizieren.

Die alevitische Glaubenslehre geht davon aus, dass der Mensch selbst Gut und Böse erkennen kann. Deshalb sind religiöse Bücher weniger wichtig. Da Gott im Menschen ist, besteht Gebet in erster Linie im Nachdenken über sich selbst. Die Aleviten haben den Grundsatz, alle Menschen als gleich anzusehen. Das Wichtigste ist nicht die Religion einer Person, sondern ob es sich um ein wirklich menschliches Wesen handelt.


Genauso wichtig sind Wissen und Vernunft. Sie helfen, Schlechtigkeit, Hass und Vorurteile zu besiegen.
Die religiöse Identität der Aleviten verdichtet sich in der Formel "eline, diline, beline, sahip olanlar", d.h. jene, die Herr ihrer Hände, Zunge und Lende sind. Dies beinhaltet die Forderung, nicht zu begehren, was einem nicht gehört. Der Zunge Herr zu sein, bezieht sich in erster Linie auf die Wahrung des Geheimnisses vor Aussenstehenden sowie die Meidung von Lügen, Verleumdung und übler Nachrede. Die Beherrschung der Lende beinhaltet das Gebot, sexuelle Handlungen auf die monogame Ehe zu beschränken.


Aleviten fallen in unserer modernen Gesellschaft hier nicht auf, weil sie sehr anpassungsfähig sind. Sie tragen, ausser an den wenigen religiösen Veranstaltungen, keine spezielle Kleidung oder Kopfbedeckung. Der Koran ist für die Aleviten wie die Bibel oder die Thora die Niederschrift von heiligen Offenbarungen, die jedoch kritisch gelesen werden dürfen. Die Gemeinschaft trifft sich zu Cem-Versammlungen, bei denen Tanz, Musik und religiöse Erzählungen im Vordergrund stehen. Diese Cem-Versammlungen wurden früher im Freien oder in Privatwohnungen abgehalten. Heute führen wir die Cems in den Vereinslokalitäten oder in gemieteten Sälen durch.


Alevitische Frauen sind, zumindest dem Dogma zufolge, den Männern gleichgestellt. Gegenseitig haben die Frauen und Männer gegeneinander Rechte und Pflichten. Bei den Aleviten gibt es nur die monogame Ehe. Wer sich zu unrecht von seinem Ehepartner scheidet, macht sich schuldig.
Das Alevitentum predigt die Ablehnung jeglicher Gewalt.
Eine humanistische Philosophie ist in der Religion tief verankert.
Das Alevitentum hat keine missionarische Haltung, wie zum Beispiel das Christentum oder der Islam.

Aleviten befürworten die Trennung von Kirche und Staat. Toleranz und Humanität sollen im Mittelpunkt ihres Denkens stehen. Politisch tendieren sie eher zu den liberalen gesellschaftlichen Positionen.